Usability Fehlanzeige?
Die gute Benutzbarkeit von Gegenständen, Usability, unterstützt uns im Alltag. Zumindest sollte sie das tun. Beim gestrigen Besuch auf der Messe "Eat'n Style" (eatnstyle.de) in München gab es aber gleich mehrere Situationen, in denen unzureichende Benutzbarkeit die Personen, die die Gegenstände vorführen wollten, gelinde gesagt blamierten.
14:15 Uhr, am Stand des Küchengeräteherstellers Miele: einer der Miele-Repräsentanten will "mal kurz" die Herdplatte von der höchsten Stufe auf "aus" stellen. Der Herd ist mit einer berührungsempfindlichen Schaltfläche neben der Herdplatte auf der Oberseite des Herds zu steuern und reagiert nicht auf den Tastendruck. Als es dann funktioniert und ich testweise nochmal versuche, die Herdplatte von Stufe 0 auf Stufe 5 zu schalten, brauche ich dafür fünf Tastendrücke, von denen jeder etwa eine Sekunde benötigt. Im besten Fall ist das gegenüber der Bedienung mit dem alten, aber guten Drehregler nur nervig, im schlechtesten Fall ist in den fünf Sekunden die Milch übergekocht. Liebe Herdhersteller, Drehregler an der Frontseite des Herds lassen sich blind bedienen und können auch dann noch angefasst werden, wenn die berühungsempfindlichen Flächen nahe der Herdplatte längst mit übergekochter Milch überschwemmt und daher nicht mal mehr angefassbar sind.
15:30 Uhr: Kochshow mit Ralf Zacherl. Super Sache, sehr lustige und gleichzeitig informative Show. Herr Zacherl als Profikoch hat in seiner Küche aber höchstwahrscheinlich keinen Backofen von Miele. Während Zacherl versucht, die Temperatur eines Backofens zu verstellen, fing die Kamera dies in Großaufnahme ein und zeigte, dass der Koch sich erst durch ein vom Handy bekanntes Menü hangeln musste, um überhaupt das zu tun, was er tun wollte. Dauer: mehr als 10 Sekunden. Ich brauche mit meinem alten Drehregler höchstens eine halbe Sekunde dafür.
16:50 Uhr: Auf dem Stand von BMW: Als ich in einem neuen BMW X1 sitze, setzt sich der freundliche BMW-Repräsentant zu mir ins Auto und versucht, mir das kombinierte Navigations- und Radio-System vorzuführen. Der Versuch, das Navi zu zeigen, endet damit, dass er mehrere der voreingestellten Radiosender aus dem Speicher löscht und damit, dass ich den Eindruck gewinne, dass das System (BMW nennt es iDrive) schon im stehenden Fahrzeug nicht intuitiv genug ist, geschweige denn beim Fahren bedient werden sollte. Für was das "i" in "iDrive" steht, darf sich jetzt jeder selbst ausmalen.
18:10 Uhr: Zurück zum Parkhaus unter der BMW Welt. Vor mir steht in der Schlange am Kassenautomaten ein knapp 180cm großer Mann, der seine Parkkarte in den Schlitz schiebt, der eigentlich für die Aufnahme von Geldscheinen gedacht ist. Es wundert mich nicht. Der Schlitz für die Geldscheine ist in Blickhöhe angebracht, der Schlitz für die Parkkarte ist aber oberhalb davon und viel kleiner. Zwar ist er mit einem leuchtenden grünen Pfeil gekennzeichnet, aber dadurch, dass er eben viel weiter oben ist, befindet er sich oberhalb der Sichthöhe. So was sehe ich regelmäßig auch an den Ticketautomaten der S-Bahnen. Mag ja sein, dass es technisch nicht einfach ist, einen einzigen Leser für Karten UND Geldscheine zu bauen. Das interessiert den, der nachher davor steht, aber herzlich wenig.
18:13 Uhr: Schon bei der Einfahrt ins Parkhaus war mir aufgefallen, dass es behindertengerecht zugänglich ist: Aufzüge mit ausreichend langen Tür-offen-Zeiten, Aufzüge mit breiten Türen, Aufzüge mit Haltestangen in etwa 80cm Höhe, so dass sich auch Rollstuhlfahrer und Kinder bequem festhalten können. Auch die Türen zwischen den eigentlichen Parkplätzen und den Aufzügen lassen sich elektrisch öffnen. So weit so gut. Dass auch Rollstuhlfahrer nicht immer in Begleitung unterwegs sind und auch Autos steuern können und wollen, ist den Planern des BMW-Welt-Parkhauses jedoch nicht in den Sinn gekommen: Der verbaute und schon bemängelte Parkautomat ist viel zu hoch, um von jemandem, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist, überhaupt bedient werden zu können.
18:16 Uhr: Beim Ausfahren aus dem Parkhaus fällt mir auf, dass die lichte Weite Zwischen dem Automat, der meine Parkkarte schluckt und dem rechten Fahrbahnrand für meinen VW Golf V zwar noch ausreicht, ich frage mich aber doch, wie jemand einen 7er BMW oder einen BMW X5 hier problemlos hinaus bugsiert. Aber was soll's, in der Dostlerstraße nebenan wartet ja notfalls schon der Lackier-Service der BMW AG ;-)
Foto: ario_ bei flickr.com
Labels: Behindertengerechtigkeit, Benutzbarkeit, Usability

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